Projekte der GW Augsburg


Neues aus der Geschichtswerkstatt Augsburg (GQ 9)
Stadt und Militär: Ein Forschungsprojekt zur Geschichte des Kasernenstandortes Augsburg (GQ 9)

 
 
Neues aus der Geschichtswerkstatt Augsburg
In der Geschichtswerkstatt Augsburg e.V. sind neue Projekte angelaufen.
Zwangsarbeit in Augsburg
Die Geschichtswerkstatt ist maßgeblich an der Initiative „Wir stellen uns der historischen Verantwortung. Initiative für Entschädigung von Zwangsarbeit in Augsburg“ beteiligt. Weitere Beteiligte sind IG Metall Augsburg, DGB Kreis Augsburg, Evangelische Kirche Dekanat Augsburg, Grüne und SPD Augsburg.
Ziel der Initiative ist es, die Entschädigung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter nicht nur auf einer finanziellen Ebene stattfinden zu lassen und dabei einen Schlussstrich unter diese Frage zu ziehen, sondern eine Aktion von Mensch zu Mensch zu initiieren. Außerdem soll die Stadt Augsburg, die sich in dieser Frage weder ideell noch materiell engagiert, obwohl sie selbst Zwangsarbeiter beschäftigt hat, dazu gebracht werden, sich aktiv mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und einen Beitrag zu leisten.
Im einzelnen ist an folgende Punkte gedacht:

  • Information der Öffentlichkeit und anstoßen einer Diskussion über Zwangsarbeit und Entschädigung in Augsburg.
  • Einwirken auf Augsburger Unternehmen, die noch keinen Beitrag in den Entschädigungsfond der Wirtschaft leisten.
  • Persönliche Kontaktaufnahme zu den Geschädigten.

Die Einrichtung einer Kontaktstelle bei der Stadt Augsburg, die auch Koordinationsaufgaben übernimmt.

  • Weitere wissenschaftliche Forschungen zum Thema Zwangsarbeit sind voranzutreiben. Zunächst soll die Bestandsaufnahme in öffentlichen und betrieblichen Archiven fortgeführt werden.
  • Errichtung einer Gedenkstätte bzw. eines Erinnerungsortes an Zwangsarbeit in Augsburg.

Das Thema Zwangsarbeit soll zum Bildungsthema in allen Augsburger Schulen werden. Bis zum April 2001 wurden bereits auf Kosten der Initiative ein ehemaliger Ostarbeiter aus der Ukraine und ein KZ-Häftling aus Polen eingeladen. Das Besuchsprogramm wurde durch eine Konferenz zum Thema Zwangsarbeit in Augsburg ergänzt.
Die fachliche Betreuung der Initiative erfolgt durch die Geschichtswerkstatt Augsburg e.V.
 
Leben, Selbstbehauptung und Widerstand von Jugendlichen während des Nationalsozialismus in Augsburg
Ein weiteres Zeitzeugenprojekt, an dem sich die Geschichtswerkstatt federführend beteiligt, ist das Projekt „Leben, Selbstbehauptung und Widerstand von Jugendlichen während des Nationalsozialismus in Augsburg“ des Stadtjugendrings. Ziel des Projektes ist es, einen Bildungskoffer zu erstellen, in den Jugendgruppen und Schulklassen unterschiedliche Materialien zur Beschäftigung mit der Lokalgeschichte erhalten. Dem Koffer werden Texte, Tonbänder, Filme, Bücher, Handlungsanleitungen und vieles mehr beiliegen. Basis des Kofferinhalts sind Zeitzeugenaussagen. Dazu wurden Zeitzeugenbefragungen durchgeführt und auch frühere Befragungen der Geschichtswerkstatt genutzt. Die Zeitzeugeninterviews sollen auch dazu beitragen, einen wenn auch späten Versuch zu unternehmen, Erinnerungen an die Jugend in der NS-Zeit zu sammeln und zu archivieren.
Wolfgang Kucera


Stadt und Militär: Ein Forschungsprojekt zur Geschichte des Kasernenstandortes Augsburg
In der öffentlichen Debatte über die künftige zivile Nutzung des Areals der bis 1998 von der US-Armee belegten ehemaligen Sheridan-Kaserne in Augsburg-Pfersee wurde von verschiedenen Seiten angeregt, die historische Entwicklung des Geländes bei der Konzeptplanung zu berücksichtigen. Durch eine Initiative der Geschichtswerkstatt Augsburg e.V. soll eine fundierte Bewertung des ehemaligen Militärareals vorgenommen werden.
Mit einer historischen Expertise zum Militärstandort Augsburg im 20. Jahrhundert lassen sich mehrere Ziele verknüpfen. Zum einen soll sie in das städtebauliche Rahmenkonzept für das Gesamtareal einfließen, das zur Zeit erarbeitet wird, in dem Entscheidungshilfen für den Erhalt bzw. Nichterhalt einzelner Bauten oder Ensembles angeboten und historische Lern- und Erinnerungsorte empfohlen werden. Zum anderen dokumentiert die geplante Projektstudie einen wichtigen Aspekt der Augsburger Stadtgeschichte, der im weiteren Verlauf auch einem breiteren Publikum vermittelt werden kann.
 
Garnisonen in Augsburg seit den dreißiger Jahren
Bis 1919 war Augsburg einer der größten Militärstandorte Bayerns. Im heutigen Innenstadtbereich befanden sich drei Kasernen, und weite Flächen im Westen des Stadtgebiets dienten als Truppenübungsplatz. Nach dem Ersten Weltkrieg brach die Augsburger Garnisonstradition vorübergehend ab. Erst im Rahmen der nationalsozialistischen Aufrüstungspolitik nach 1933 kam es wieder zum Bau größerer Militärkomplexe. Zwischen 1934 und 1938 errichtete die Heeresbauverwaltung in den Stadtteilen Pfersee und Kriegshaber – hauptsächlich auf dem Gelände der ehemaligen Exerzierflächen – mehrere Kasernen und Versorgungseinrichtungen für neu aufgestellte Truppenteile der Wehrmacht.
In Pfersee wurden von 1934 bis 1936 eine Infanteriekaserne und eine Kaserne für Nachrichteneinheiten der Luftwaffe gebaut. Auf dem Gelände des ehemaligen Großen Exerzierplatzes in Kriegshaber entstanden um 1936 zwei Kasernen für die Artillerie und eine für Panzerabwehrkräfte. In unmittelbarer Nachbarschaft wurden zwei Gebäude für das Heeresverpflegungshauptamt Südbayern errichtet. Ein großes Offiziersheim rundete diesen Militärkomplex ab. Am nördlichen Rand von Kriegshaber entstand 1936/37 eine Flugabwehrkaserne. Weitere Kasernenbauten kamen nicht mehr über das Planungsstadium hinaus.
Luftwaffe und Heer nutzten die Militäranlagen bis Ende des Zweiten Weltkrieges. Doch es gab noch einen weiteren Verwendungszweck: 1944/45 wurde eine Fahrzeughalle der Luftnachrichtenkaserne zu einem Außenlager des KZ Dachau umfunktioniert. Dort waren etwa 1.500-2.000 Häftlinge untergebracht, die Zwangsarbeit für die Flugzeugproduktion der Messerschmitt AG leisten mussten.
Im Jahre 1945 wurden die Kasernen im Augsburger Westen von US-Einheiten okkupiert, die sie anfangs nur zum Teil selbst nutzten. Der größere Rest stand für zivile Zwecke zur Verfügung, z.B. zur Unterbringung von Flüchtlingen und Displaced Persons. Ein Gebäudekomplex beherbergte bis 1982 das städtische Westkrankenhaus.
Von den frühen fünfziger Jahren bis 1998 dienten die ehemaligen Wehrmachts-areale dann fast ausschließlich als Garnison zur Stationierung der US-Truppen. Die Amerikaner fassten dabei den Pferseer Komplex zur „Sheridan-Kaserne“ zusammen, während die Kasernen in Kriegshaber zur „Reese-Kaserne“ vereinigt wurden. Die vormalige Flak-Kaserne wurde 1952 in ein amerikanisches Militärhospital umgewandelt; außerdem waren dort die Kommandostelle einer Luftlandedivision, einige militärische Spezialdienststellen und kleinere Truppeneinheiten stationiert. Die Bauten des ehemaligen Heeresverpflegungslagers dienten den US-Truppen als Armeedepot („Quarter-Master“), später dann auch als Einkaufszentrum. Sämtliche US-Militäranlagen wurden von einem in der Reese-Kaserne untergebrachten Standortkommandeur verwaltet.
Auf den noch unbebauten Flächen zwischen den Kasernen bzw. am Rand derselben entstanden ab 1953/54 vier Wohnquartiere für amerikanische Militärangehörige und ihre Familien. Insgesamt waren in Augsburg bis zu 17.000 US-Soldaten stationiert. Zeitweilig arbeiteten rund 2.000 Deutsche als Zivilbeschäftigte in der Garnison. Der baulich nahezu geschlossene Komplex der Sheridan- und Reese-Kaserne – dazwischen lag lediglich der Augsburger Westfriedhof – wuchs im Laufe der Nachkriegsjahre zu einem sozial weitgehend abgeschotteten Baukörper zwischen den Stadtteilen Kriegshaber und Pfersee und den westlichen Nachbargemeinden Stadtbergen und Neusäß heran.
Wohnquartiere und Kasernen fielen bis 1998 nach dem Abzug der US-Streitkräfte an die Vermögensverwaltung des Bundes als Rechtsnachfolger des Reiches zurück. Heute befinden sich nur noch die ehemalige Sheridan- und Reese-Kaserne in staatlichem Besitz. Die übrigen Areale erwarb die Stadt Augsburg für zivile Nutzung.
 
Ein Forschungsprojekt entsteht

Im April 2000 unterbreiteten zwei Mitglieder der Augsburger Geschichtswerkstatt dem Stadtplanungsamt einen detaillierten Projektentwurf für eine „fachhistorische Expertise zur Bau- und Nutzungsgeschichte des ehemaligen Kasernengeländes in den Augsburger Stadtteilen Pfersee und Kriegshaber“. Im Dezember 2000 erteilte dann die Stadt Augsburg der Geschichtswerkstatt den Auftrag, das Projekt zu realisieren. Finanziert wird das Forschungsvorhaben durch staatliche Fördermittel zur Konversion von Militärflächen. Bis Mitte des Jahres 2001 soll die Studie - mit dokumentarischem Materialanhang - vorliegen. Ob und in welcher Form die Ergebnisse zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht werden, liegt im Ermessen der Stadt Augsburg.
Das Projekt ist wie folgt gegliedert:
1. Nutzungen des Geländes vor 1934,
2. Errichtung und Nutzung der Kasernen in der NS-Zeit 1934-1945,
3. Zwischennutzungen der Militärflächen 1945-1951,
4. Ausbau und Nutzung des Kasernenareals durch die US-Armee 1951-1998,
5. Bau und Nutzung von US-Wohn-siedlungen ab den fünfziger Jahren.
Die Studie hätte angesichts ihres Umfangs und der knappen Zeitvorgabe die Arbeitskapazitäten der Mitglieder der Geschichtswerkstatt überschritten. Glücklicherweise konnten drei WissenschaftlerInnen auf werkvertraglicher Basis für das Projekt gewonnen werden. Das Projektteam wird ein gemeinsames Manuskript erstellen. Besonderer Wert wird auf eine enge Zusammenarbeit mit den Initiatoren des Projekts aus dem Kreis der Geschichtswerkstatt gelegt.
Obwohl es keine nennenswerten Einschränkungen beim Zugang zu den Quellen gibt, hat sich bereits gezeigt, dass einzelne Aspekte des Themas nur unzureichend durch Schriftgut und Pläne dokumentiert sind. Zum Teil ist die archivische Überlieferung sehr dünn, und auch die Registraturen der deutschen und amerikanischen Dienststellen weisen größere Lücken auf. Vermutlich werden sich also nicht alle gestellten Fragen beantworten lassen.
Projektbegleitend widmen sich zwei MitarbeiterInnen der Geschichtswerkstatt der „erlebten“ Geschichte des Militärgeländes. In Verbindung mit dem „Bürgerhaus Pfersee“ der Arbeiterwohlfahrt und gefördert vom städtischen Kulturbüro führen sie Zeitzeugeninterviews durch. So lässt sich die Nutzungsgeschichte der Kasernen auch aus der Alltagsperspektive erforschen. Dabei geht es vor allem um die alltäglichen Kontakte zwischen Militärpersonal, KZ-Häftlingen, Displaced Persons und der Zivilbevölkerung, insbesondere in den an die Garnisonen angrenzenden Stadtteilen.
Weitere Informationen zu diesem Projekt gibt es auf der Homepage der Augsburger Geschichtswerkstatt oder direkt beim Autor: gerhard.fuermetz@a-city.de.